Religion (Römisch-Katholische Kirche)

"Von Zeit zu Zeit mußten die Propheten das Gesetz und den Bund verteidigen gegen die Menschen, die menschliche Regeln
und Normen über den Willen Gottes setzten und so dem Volk eine neue Sklaverei auferlegten (vgl. Mk 6,17-18)"
Johannes Paul II



Ein großer Sohn der Kirche, der Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba, schrieb im "Wort des Bischofs Oktober 1998" unter dem Titel "Glaube und Werte" folgende Zeilen:
Im Verlauf des langen Wahlkampfes wurden von vielen Seiten her alarmierende Defizite in unserer Gesellschaft aufgedeckt und angeklagt. Enorme Defizite nicht nur in den öffentlichen Kassen bis hin zu den Renten- und Versorgungsfonds, die uns eine sorgenfreie Zukunft ermöglichen sollten, sondern auch im sittlichen und sozialen Verhalten der Menschen, die diese Gesellschaft bilden. Steigende Kriminalität und Unsicherheit in den Städten, Orientierungslosigkeit und Hoffnungslosigkeit schon bei vielen Heranwachsenden, steigende Zahlen bei Scheidungen und Scheidungswaisen, gesteigerte Ansprüche allenthalben mit einer Kostenexplosion im Gesundheits- und Sozialhilfewesen, so als wären wir tatsächlich ein Volk von armen, kranken Invaliden - und demgegenüber eine stetig fallende Geburtenrate.

Wer immer die Ursachen dieser Fehlentwicklung untersucht, kommt zu der Entdeckung, daß uns die Werte abhanden gekommen sind, deren Verwirklichung früher dafür gesorgt hat, daß die Gesellschaft sich normal und frei entwickeln konnte - unter anderem dafür, daß unser Volk sich aus der bitteren Nachkriegszeit in Wohlstand und Würde erheben konnte. Vom Bundespräsidenten bis zum letzten Sonntagsredner - alles schreit plötzlich wieder nach „Werten".

Foto: Martin Angelstein

Aber wo sollen die denn herkommen? Sie wachsen ja nicht auf der grünen Wiese der Phantasien. Die Werte, die unsere christlich-abendländische Gesellschaft intakt gehalten haben, sind ja doch Früchte des Glaubens und der entsprechenden Erziehung - früher hießen sie übrigens noch Tugenden. Wenn der Glaube schwindet, schwinden natürlich auch die sittlichen Haltungen, die in diesem Glauben begründet waren, letztlich in der Überzeugung einer persönlichen Verantwortung vor Gott: Treue, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Nächstenliebe, Opferbereitschaft, Selbstbeherrschung und Reinheit der Gedanken sind ja keine Haltungen, die dem Menschen von selbst zufallen, sondern sie müssen von Generation zu Generation weitergegeben werden durch Wort und Beispiel.

Wir aber haben diese Werte seit vielen Jahren vernachlässigt, um einen heidnischen Hedonismus zu genießen, der menschliche Bindungen auflöst und letztlich im Individualismus, im Egoismus und im Zusammenbruch des sozialen Solidarsystems endet.

Wenn wir heute nach Werten rufen, fordern wir da nicht die Erfüllung von Idealen ein, für deren Erkenntnis und Akzeptanz wir sträflich wenig getan haben? Mit welchem Recht wollen wir Treue und Ehrlichkeit verlangen, wenn wir die Medien die Menschen in eine Unterhaltungswelt locken lassen, deren Spannungselemente zu über 90 % aus Untreue, Unzucht und Brutalität bestehen und die Tugenden, deren wir so dringend bedürfen, durch zynische Quotenfänger und halbseidene Animierdamen im Fernsehen Tag und Nacht lächerlich machen lassen? Wie können wir die Erfüllung notwendiger Pflichten erwarten, wenn wir zu diesen Pflichten nicht erziehen? Schon Wilhelm Busch wußte: „Tugend will ermuntert sein, Bosheit kann man von allein."

Wenn man als Mann der Kirche in dieser Richtung mahnt, wird man schnell als autoritärer Moralapostel gebrandmarkt. Aber wir müssen uns doch endlich einmal ernsthaft fragen, ob der Verzicht auf Autorität mit all seinen sozialen Konsequenzen in Zukunft überhaupt noch bezahlbar ist, ob die moderne Entmachtung der Erzieher in Familie, Schule und Kirche uns den erhofften Zielen näher gebracht hat. Wenn wir die kommende Generation nicht mehr zum Glauben und seinen Werten führen, sondern nur zum heute so beliebten Markt der Möglichkeiten, - der ja, wie wir aus Erfahrung wissen, so leicht in den Markt der Unmöglichkeiten umschlägt -, wenn wir die Anstrengung scheuen, durch eigenes Vorbild unseren Glauben weiterzugeben, lassen wir da die kommende Generation im Grunde nicht allein? Wer heute allein läßt, wird morgen allein gelassen. Allein lassen und allein gelassen werden ist aber das Gegenteil von der Gemeinschaft, die wir brauchen, um leben zu können.

Das ist die Herausforderung der Stunde: Wir müssen erneut klar werden lassen, daß wir auf einem gemeinsamen Fundament bleiben müssen, in einem Grundkonsens und in einer Verpflichtung auf Werte, die nicht in abänderbarem Recht, sondern im Naturrecht, ja in der Schöpfungsordnung Gottes selbst verankert ist. Dabei sind wir nicht Nachhut der Vergangenheit, sondern Vorhut der Zukunft. Denn wenn wir den Dingen auf den Grund gehen, zeigt sich, daß gerade die uralten christlichen Regeln von Selbstbeherrschung, von Zucht und Maß die Verhaltensweisen sind, mit denen wir auch heute und in Zukunft bestehen können.


An dieser Stelle ein paar Textstellen aus dem Buch "Erinnerung und Identität" von Johannes Paul II. (ISBN 3-89897-170-8)
über sie es sich lohnt einmal in Ruhe nachzudenken.
ZITAT 1:
An diesem Punkt kann man es nicht unterlassen, ein Problem anzusprechen, das heute außerordentlichaktuell und schmerzlich ist. Nach dem Sturz der
Regime, die auf den Ideologien des Bösen aufgebaut waren, haben in ihren Ländern die eben erwähnten
Formen der Vernichtung de facto aufgehört. Was jedoch fortdauert, ist die legale Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen.
Und diesmal handelt es sich um eine Vernichtung, die sogar von demokratisch gewählten Parlamenten beschlossen ist, in denen man sich auf den zivilen
Fortschritt der Gesellschaften und der gesamten Menschheit beruft. Und auch an anderen schweren Formen der Verletzung des Gesetzes Gottes fehlt es nicht.
Ich denke z. B. an den starken Druck des Europäischen Parlaments, homosexuelle Verbindungen anzuerkennen als eine alternative Form der Familie, der
auch das Recht der Adoption zusteht. Es ist zulässig und sogar geboten, sich zu fragen, ob nicht hier - vielleicht heimtückischer und verhohlener - wieder
eine neue Ideologie des Bösen am Werk ist, die versucht, gegen den Menschen und gegen die Familie sogar die Menschenrechte auszunutzen.

ZITAT 2:
Diesen Ansatz kann man leicht bemerken in der heutigen so genannten wissenschaftlichen, oder besser szientistischen, Denkweise sowie auch in der Literatur und
ganz besonders in den Massenmedien. So zu leben, als ob Gott nicht existierte, bedeutet, außerhalb der Koordinaten von Gut und Böse zu leben, d. h.
außerhalb jenes Wertezusammenhangs, dessen Quelle Gott selbst ist. Es wird der Anspruch erhoben, dass im Gegenteil der Mensch es sei, der zu entscheiden
habe, was gut und was böse ist. Und dieser Grundsatz wird auf verschiedene Weise und von verschiedenen Seiten vorgebracht und propagiert.
Wenn der Westen einerseits weiterhin Zeugnis gibt für das Wirken des Fermentes des Evangeliums, so sind andererseits die Strömungen der
Anti-Evangelisierung nicht weniger stark. Diese trifft die Grundlagen der menschlichen Moral selbst, indem sie die Familie einbezieht und die moralische Permissivität
propagiert: die Ehescheidung, die freie Liebe, die Abtreibung, die Empfängnisverhütung, den Kampf gegen das Leben in seinem Anfangsstadium wie in
seiner Endphase und die Manipulation des Lebens.
Dieses Programm arbeitet mit enormen finanziellen Mitteln, nicht nur in den einzelnen Nationen, sondern auch auf Weltebene. Tatsächlich verfügt es über
große Zentren ökonomischer Macht, mit deren Hilfe es versucht, den Entwicklungsländern die eigenen Konditionen aufzuzwingen. In Anbetracht all dessen
kann man sich zu Recht fragen, ob das nicht eine andere Form von Totalitarismus ist, die sich heimtückisch verbirgt unter dem Anschein der Demokratie.



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